SPD-Politiker Egon Bahr mit 93 Jahren gestorben

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Berlin (AFP) – Als Wegbereiter für Frieden und Entspannung in Europa zur Zeit des Kalten Kriegs ist er bereits zu Lebzeiten in die Geschichtsbücher eingegangen. Im Alter von 93 Jahren ist der SPD-Politiker Egon Bahr nun gestorben, wie seine Partei mitteilte. Bahr galt als Architekt der neuen Ostpolitik unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), die unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“ stand.

Bahr (l.) und Brandt im Jahr 1977

Bahr habe gezeigt, „dass uns Deutschen Geschichte gelingen kann“, schrieb Bundespräsident Joachim Gauck in einem Kondolenztelegramm an Bahrs Witwe Adelheid. SPD-Chef Sigmar Gabriel würdigte den Verstorbenen als „großen Sozialdemokraten und Staatsmann“, der seiner Partei bis in die jüngsten Tage als Ratgeber zur Seite gestanden habe.

Nach Willy Brandts Wahl zum Kanzler 1969 hatte Bahr die neue Ostpolitik gestaltet, die eine Abkehr von der Konfrontation einleitete und auf Vertrauensbildung und Partnerschaft mit den Staaten des Warschauer Pakts setzte. Ab 1970 mündete diese Politik in den Verträgen der Bundesrepublik zunächst mit der Sowjetunion, dann mit anderen osteuropäischen Staaten und schließlich im Grundlagenvertrag mit der DDR.

Egon Bahr ist tot

„Nur wenigen Politikern ist es vergönnt, mit einer Idee die Welt zu verändern und erleben zu dürfen, wie die eigene Vision noch zu Lebzeiten Wirklichkeit wird“, erklärte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Rande eines Besuchs in Brasilien. Egon Bahrs neue Ostpolitik habe „buchstäblich den Lauf der Geschichte verändert und die deutsche und europäische Einigung erst möglich gemacht“.

Egon Bahr setzte sich bis ins hohe Alter für die SPD ein

Bundespräsident Gauck hob Bahrs Engagement für den Frieden hervor: „Er handelte aus der festen Überzeugung, dass eine weltweite Sicherheits- und Friedenspolitik möglich ist und dass wir alle mit Nachdruck daran arbeiten müssen.“

SPD-Politiker erinnerten daran, dass Bahr in den 1970er Jahren für seine Ostpolitik massiv von den Unionsparteien unter Beschuss genommen wurde. „Egon Bahr hat als enger Freund und Berater von Willy Brandt viel Häme und Schmähungen von konservativer Seite aushalten müssen“, erklärte Gabriel. Heute sei seine Ostpolitik allgemein anerkannt. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), erinnerte an „billige und ehrabschneiderische Anwürfe“, die Bahr damals habe ertragen müssen.

Helmut Schmidt und Egon Bahr im Jahr 1982

Bahr wurde 1922 im thüringischen Treffurt geboren. „Wie viele unserer Genossinnen und Genossen hat auch er unter der Hitler-Diktatur gelitten“, erinnerte Parteichef Gabriel. „Er durfte wegen seiner jüdischen Großmutter nicht studieren, nahm aber gleichwohl am Krieg teil.“ Aus diesen Erfahrungen habe er als junger Mann die Erkenntnis gewonnen, dass „ohne Frieden alles nichts ist“.

Egon Bahr als Rundfunkreporter

Führende Sozialdemokraten rechneten es Bahr zudem hoch an, dass er sich bis ins hohe Alter für seine Partei engagiert hatte. Er habe „bis zuletzt noch in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus gearbeitet“, hob Parteivize Ralf Stegner hervor.

Linken-Fraktionschef Gregor Gysi erinnerte daran, dass Bahr nach 1990 aktiv das Gespräch mit seiner Partei gesucht habe. „Er war ein hochintelligenter, einfühlsamer und rhetorisch sehr begabter Politiker“, erklärte Gysi. „Es war so imponierend, das er nicht im Geringsten von außen gegen seinen Willen zu beeindrucken war.“

Die Grünen-Chefs Simone Peter und Cem Özdemir würdigten Bahr als „großen Politiker“. Er habe der deutschen Außenpolitik „eine klare friedenspolitische Orientierung gegeben“.